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Auf dem
Markusplatz in Venedig
Tauben als touristische Attraktion
Es war im Jahre 1204, als Alexios IV, Sohn des byzantinischen Kaisers
Isaak II, mit Hilfe eines Heeres von Kreuzfahren die Stadt Konstantinopel eroberte. Im
Vorfeld dieser Ereignisse mussten jedoch die Anführer der Kreuzfahrer erst einmal für
dieses Vorhaben gewonnen werden. In dieser Situation kam Alexios IV der Doge Enricio
Dandolo, geboren im Jahre 1107 und verstorben im Jahre 1205, zur Hilfe. Beide gemeinsam
konnten die Kreuzfahrer für die Eroberung und Einnahme von Konstantinopel gewinnen. Als
Konstantinopel am 12. April 1204 fiel, war es der Doge Enricio Dandolo, der die Botschaft
vom Sieg mit Hilfe einer Taube nach Venedig übermitteln ließ. Dabei soll die Taube eine
Entfernung von rund 1.300 Kilometern zurückgelegt haben.
Seit diesem geschichtlichen Ereignis wird die Taube von den Venezianern
verehrt. Diese Verehrung ging soweit, dass in Venedig jeweils an den Palmsonntagen
Prozessionen zum Markusplatz durchgeführt wurden und bei diesen Prozessionen ganze
Schwärme von Tauben vor dem amtierenden Dogen freigelassen wurden.
Ein Großteil
der heutigen venezianischen Stadttauben- population stammt vermutlich von diesen einst bei
den Prozessionen freigelassenen Tauben ab. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass
noch bis zum Jahre 1912 die Stadttauben von Venedig von den zuständigen Behörden
gefüttert wurden.
Weiterhin vergaben die Behörden vererbbare Lizenzen an Futterverkäufer, deren Nachfahren
bis zum April des Jahres 2008 täglich auf dem Markusplatz unbehelligt Futter an Touristen
verkauften. |

© Quelle: www.pixelio.de / Foto: Anna Meister
Stadttauben auf dem Markusplatz in Venedig |
Der Markusplatz von Venedig wurde letztendlich auch wegen der Tauben
für viele Besucher aus aller Welt zu einer besonderen touristischen Attraktion. Doch es
gibt kein Licht ohne Schatten und was zuviel ist, ist zuweilen halt einfach zu viel. Unter
anderem sollen diese Heerscharen von geschätzten 100.000 Tauben in Venedig täglich um
die vier Tonnen an Taubenkot produzieren. Taubenkot, der kostspielig restaurierte
Gebäude, Denkmäler und Plätze verschandelt sowie die laufenden Kosten für die
Straßenreinigung auf rund sechs Millionen Euro anwachsen lässt.
Diesem Treiben der Tauben wollte der amtierende Bürgermeister von Venedig, Massimo
Cacciari und die Stadtverwaltung nicht weiterhin tatenlos zusehen. So wurde ein generelles
Fütterungsverbot für Tauben erlassen und den Futterhändlern die Lizenzen entzogen. Doch
damit noch nicht genug. War es bisher ein traditioneller Brauch, frisch vermählte
Brautpaare nach Beendigung der Trauung vor der Kirche mit Reis zu bewerfen, so steht auch
diese Sitte zukünftig unter Strafe. Der Reis könnte zusätzlich Tauben anlocken.
Um diese Verbote und Verordnungen zu rechtfertigen, führen die Befürworter des
Fütterungsverbots neben den bereits weiter oben erwähnten Fakten noch weitere
vermeintliche Argumente ins Feld. Unter anderem wird die Verschmutzung von Fassaden,
Straßen und Plätze als hygienische Katastrophe bezeichnet, den Tauben unterstellt, sie
würden an den historischen Fassaden nach Kalk picken und die Vermutung geäußert, dass
auch der Marmorboden des Platzes beschädigt werden könnte. Nun ja, es sei angemerkt,
Kalk benötigen alle Vögel, um keine dünnschaligen Eier oder Windeier zu legen.
Weiterhin ergaben Studien, dass Taubenkot weniger aggressiv auf Materialien einwirkt, als
saurer Regen.
In Kraft trat diese neue Verordnung bereits, mit Wirkung ab dem 01. Mai 2008. Passanten
und Touristen, die gegen diese Verordnung verstoßen, müssen zukünftig mit Geldbußen
bis zu 500 Euro rechnen. Um diese Verordnung durchzusetzen, sollen in Zivil gekleidet
Ordnungshüter regelmäßig zu Kontrollzwecken patrouillieren. Bereits im Monat Mai des
Jahres 2008 wurden rund ein Dutzend Touristen um je 50 Euro erleichtert, als Strafe für
die nunmehr illegale Fütterung von Tauben.
Schlimmer als den Touristen ergeht es jedoch den Futterhändlern, die auf diese
Einnahmequelle angewiesen sind. Die Mitglieder in der Stadtverwaltung und die
verantwortlichen Kommunalpolitiker erreichten zwar im Vorfeld der Verordnung über das
Fütterungsverbot von Tauben eine Einigkeit, nicht aber darüber, wie die Futterhändler
für den Verlust ihrer Lizenzen zu entschädigen sind. Die Futterhändler strebten
ihrerseits wiederum einen gerichtlichen Prozess an, um die Verordnung über das
Fütterungsverbot zu kippen, blieben bisher jedoch erfolglos (Stand: August 2008). Seither
wird beraten, ob den ehemaligen Futterverkäufern eine einmalige finanzielle
Entschädigung gewährt werden soll oder ob ihnen Lizenzen für den Verkauf von Souvenirs
als Ausgleich angeboten werden sollten.
Ob die Stadtverwaltung von Venedig durch diese Vorgehensweise es schafft, die riesigen
Schwärme von Stadttauben zu vermindern, bleibt abzuwarten. Andere Städte in aller Welt
stehen vor ähnlichen Problemen, wenn auch nicht unbedingt in dieser Größenordnung. Doch
nicht die Taube ist es, die diese Umstände hervorrief und ausufern ließ, sondern einzig
und allein der Mensch.
Nachtrag, Oktober 2008 - Seit dem ab Mai diesen Jahres das gesetzlich
geregelte Fütterungsverbot für Tauben in Venedig in Kraft trat, sollen sich die
Heerscharen der täglich auf dem Markusplatz einfallenden Tauben deutlich verringert
haben. Zumindest nach den unbestätigten Meldungen einiger italienischer Medien, ging die
Anzahl der sich auf dem Markusplatz aufhaltenden Tauben um rund 95 Prozent zurück. Wahren
es im ersten Halbjahr 2008 noch geschätzte 20.000 Straßentauben, die in der Nähe des
Platzes brüteten und auf dem Platz nach Futter suchten, so soll sich diese Anzahl bis
September 2008 auf geschätzte 1.000 Tauben verringert haben. Die Stadtväter dürften
nunmehr erleichternd aufatmen, einigen Touristen gefällt hingegen das Fütterungsverbot
und die verringerte Anzahl von Tauben weniger gefallen.
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