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Domestizierung
der Haustaube
Eine Erfolgsgeschichte
Ob Brieftauben oder Rassetauben, mit wenigen Ausnahmen, wie den
Lachtauben und Diamanttauben, werden alle vom Menschen domestizierten Tauben unter der
Bezeichnung Haustauben zusammen gefasst. Darüber, das unsere heutigen Haustauben von der
Felsentaube (Columba livia) abstammen, darüber gibt es kaum noch einen Zweifel. Kein
Geringer als der Urvater der Evolutionstheorie Charles Darwin (geb.1809 - gest. 1882) war
es, der die Verwandtschaft unserer heutigen Haustaube (Columba livia forma domestica) mit
der Felsentaube erkannte und schriftlich festhielt. Wie die Haustauben, so stammen auch
ihre verwilderten Verwandten, die Stadttauben und Straßentauben (Columba livia forma
urbana) von der Felsentaube ab. Einige andere Fragen betreffend der Abstammung und
Domestizierung bleiben jedoch bis heute in Teilbereichen unbeantwortet.
Zu diesen noch offenen Fragen gehört unter anderem die Frage danach,
ob alle heutigen Haustauben von der Nominatform der Felsentaube (Columba livia livia)
abstammen, weiterhin die Frage, wann und wie diese Domestizierung vor sich ging.

© Quelle: www.pixelio.de / Foto: Norbert Thil
Eine der Felsentaube ähnliche Haustaube |
Auf dem rechten
Foto ist eine Haustaube abgebildet, die der Nominatform der Felsentaube recht nahe kommt.
Lediglich der für die schottische Felsentaube kenn- zeichnende weißliche Rücken ist
zumindest auf diesem Foto nicht erkennbar.
Möglicherweise würde ein erfahrener und auf Felsentauben spezialisierter Ornithologe auf
dem Bild noch weitere kleinere Unterschiede zu einer echten Felsentaube erkennen, doch
auch bei diesen gibt es regionale Unterschiede in Bezug auf Gefieder, Form und Farben. |
Eben diese Unterschiede in der Zeichnung des Gefieders waren es, die
bereits Darwin zu der Annahme veranlassten, dass nicht alle heutigen Haustauben von der
Nominatform der europäischen Felsentaube abstammen könnten. Als Argument führte Darwin
an, dass europäische Haustauben, insofern es sich nicht um durch Zuchtauswahl veränderte
Rassetauben handelte, mehrheitlich einen weißen Rücken hätten. Zumindest auf den
Haustauben aus dem nördlichen Europa trifft Darwins Behauptung zu. Da die europäische
Felsentaube ebenfalls eine weiße Rückenpartie besitzt, so ist das verwandtschaftliche
Verhältnis der europäischen Haustaube zur europäischen Felsentaube für Ornithologen
ziemlich offensichtlich. Ebenso offensichtlich scheint die Beobachtung sein, dass indische
Haustauben mehrheitlich eine graue Rückenfärbung. Dieser graue Rücken der indischen
Haustauben lässt die Schlussfolgerung zu, dass diese von der indischen Felsentaube
abstammen. Die indische Felsentaube (lateinischer Name Columba livia intermedia) hat im
Unterschied zur europäischen Felsentaube keine weiße Rückenpartie.
Andere Forscher gingen noch über Darwins Schlussfolgerungen hinaus. So der italienische
Zoologe und Ornithologe Alessandro Ghigi - geboren im Jahre 1875 in Bologna und verstorben
im Jahre 1970. Ghigi vertrat die Ansicht, dass bei der Domestizierung der Haustaube noch
weitere Wildtaubenarten Pate standen. Als Mögliche Kandidaten erwähnte er unter anderem
die bereits ausgestorbene Wandertaube, die Afrikanische Taube, sowie die Tibetische
Schneetaube. Es sei angemerkt, heute vertreten die Zoologen und Ornithologen mehrheitlich
die Meinung, dass für die Domestizierung der Haustaube nur die Felsentauben der
jeweiligen Region in Frage kamen.
Wo und wann der Mensch zum ersten Mal begann, Felsentauben und deren Gelege zu
Ernährungszwecken zu nutzen und die Felsentauben zu Haustauben zu domestizieren, lässt
sich nicht zweifelsfrei belegen. Doch dürfte die gelegentliche Nutzung sehr früh erfolgt
sein, vermutlich bereits vor der Sesshaftwerdung des Menschen. Gut vorstellbar ist, dass
bereits der Neandertaler die Gelege von Wildvögeln als willkommende Abwechslung nutzte,
um seinen Speisezettel abzurunden. Als unsere Urahnen von Afrika aufbrachen, um den Rest
der Welt zu erkunden, werden sie auf ihren Wanderungen ganz sicher nicht frische
Taubeneier verschmäht haben. Die Sesshaftwerdung des Menschen und der Beginn des
Ackerbaus begann in Vorderasien mindestens vor 12.000 Jahren. Einige Forscher gehen hier
noch von einem weiter zurückliegenden Zeitraum aus. Der Beginn der Viehzucht erfolgte
wenige Tausend Jahre später. In Mitteleuropa mag die Sesshaftwerdung vor etwa 6.000 bis
8.000 Jahren erfolgt sein.
Das der Mensch in jenen Jahren Tauben als Nahrungsquelle nutzte, ist sehr wahrscheinlich
und belegen archäologische Funde. Die ältesten Funde stammen aus der Zeit der
Natufin-Kultur und somit aus einem Zeitraum, welcher etwa 11.000 bis 14.000 zurückliegt.
Die Menschen in jener Zeit waren noch nomadisierende Jäger und Sammler, welche jedoch
vermutlich bereits feste Winterquartiere in Höhlen bevorzugten. Bei Ausgrabungen in der
Hayonim-Höhle, gelegen im heutigen Israel, fanden sich unter anderem auch Knochen der
Felsentaube. Weiterhin wird in diverser Literatur über den Fund von Terrakottatauben in
Assur und Babylonien berichtet, welche auf ein Alter von etwa 7.000 Jahren datiert wurden.
Darüber, ob der Mensch in jenen Jahren nur Taubennester mit Eiern oder Jungvögeln
plünderte oder ob er bereits begann Tauben zu domestizieren, darüber geben diese Funde
keine Auskunft. Im Falle des Fundes aus der Zeitspanne der Natufin-Kultur kann der Leser
jedoch davon ausgehen, dass die bewusste Domestizierung der Felsentaube zur Haustaube erst
mit der Errichtung von Bauwerken begann.
Von der Sesshaftwerdung bis zur Errichtung von Gebäuden, welche auch der Felsentaube
Unterschlupfmöglichkeiten boten, war es sicherlich noch ein weiter Weg. Vermutlich hat
die Felsentaube erste massiv errichtete Gebäude als Felswände interpretiert und nutzte
diese als Quartier, insofern diese Bauten Nistmöglichkeiten boten. Das diese Vermutung
nahe liegt, das beweist der Haussperling, die Rauchschwalbe und die Mehlschwalbe sowie
weitere Vögel, welche an oder in von Menschenhand errichteten Bauwerken ihre Nester
bauen, stetig aufs Neue. Im Gegensatz zum Sperling, wird der Mensch die Anwesenheit von
Tauben wohlwollender betrachtet haben, da Jungvögel und Eier Nahrung boten. Erst mit der
Zeit gingen die Menschen dazu über, möglichst viele Tauben durch die Einrichtung von
Nisthilfen anzulocken.
Da Felsentauben sehr standorttreue Tiere sind, so verlief der Übergang von der durch
Nisthilfen angelockten Felsentaube zur Haustaube vermutlich mehr oder weniger einfach.
Erst in der Folgezeit bemühte sich der Mensch durch Zuchtauswahl bewusster in diesen
Prozess der Domestizierung einzugreifen und züchtete bis heute eine Vielzahl von
unterschiedlichen Taubenrassen.
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