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Nur ein
Schwein
- Autorin: Claudia Lichtenwald -
Ein Thema beschäftigte mich sehr an diesen Tagen, in diesem Winter,
der mich so nachdenklich machte. Es begann, als ich in einem Zoogeschäft ein Regal mit
faustgroßen Plexiglas Behältern entdeckte, in denen farbenfrohe Fische herumdümpelten,
und daneben verzückt lächelnde Frauen, winzige Welpen in Glasvitrinen bewunderten. Etwas
liess mich starr werden, traurig, und ich wusste nicht warum.
Am Tag zuvor war ich fast über einen einzelnen Käfer gestolpert, der im Treppenhaus vor
der Kälte schutzgesucht hatte. Mein Nachbar kam gerade herein, ein breites Grinsen auf
seinem Gesicht, als er das Insekt erblickte. "Geil", raunte er, und mit einem
einzigen Fußtritt, war der Käfer ausgelöscht.
Wütend war ich zur Arbeit gefahren. Dazu kam, dass mein Bruder, ein neues Schwein
bekommen hatte, er hielt sich stets nur zwei davon, die er von einem befreundeten Langwirt
bekam, in seinem Schuppen hinterm Haus, mästete sie mit Küchenabfällen, und schlachtete
sie für den Hausgebrauch.
Wir waren ausgerechnet an diesem Tag zu Besuch, als Borsti, wie mein Sohn sie taufte, mit
einem klapprigen Anhänger gelieftert wurde, und mit unsicheren Schritten ihr neues Heim
bezog. Borsti war ein sympatisches junges Tier, mit einem weichen Blick, der große
Gelassenheit ausstrahlte, obwohl sie wenig Möglichkeiten hatte, den Angriffen ihrer
Stallgenossin aus dem Weg zu gehen. Ich muss gestehen, die nächsten Wochen freundte ich
mich ein wenig mit ihr an, das heisst, ich besuchte sie einige Male, als ich bei meinem
Bruder zu Gast war, und schon nach kurzer Zeit begrüßte sie mich im Gegenzug , wie ein
Hund. Ich fühlte Übelkeit in mir aufsteigen, als sie wenig später, nackt und blaß und
mit einem kreisrunden Loch in der Stirn auf dem hölzernen Küchentisch lag, bereit, das
diesjährige Spanferkel zu werden.
Das war der Tag, der in mir die Frage aufwarf, wie weit unsere Rechte reichen. Von da an
ging ich anders durch die Fußgängerzone, anders durch den Wald, und auch durch mein
Bürogebäude. Denn stellt man einmal diese Frage, stellt man sie sich plötzlich
überall. "Es sind doch nur Tiere", versuchte ich mich zu trösten, "Sie
sind einfach dazu da". Doch irgendwie fühlte es sich schal an.
Dann kam Weihnachten. Unübersehbar, so rein und friedvoll war alles um mich herum.
Blankgeputzte Gesichter strahtlen mich an, umgeben von blankgebutzten Bänken und einem
blankgeputzten Altar. Die Kirche strahlte. Ich hatte sie ganz allein aufgesucht, nach der
Bescherung, weder meine Frau noch die beiden Jüngsten hatten Interesse gezeigt.
Vorne stand ein großer Christbaum, üppig geschmückt mit kleinen gelben Strohsternen,
und überall Tannenzweige - was für eine Pracht. In der Krippe hatte das Jesuskind Schutz
gefunden vor der Unbarmherzigkeit der Welt, bewacht von einem Ochsen und einen Esel. Wir
hatten zuhause eine ähnliche Krippe, ein alter Brauch, den vor allen die Kinder nicht
missen wollten, nur nicht so groß und pompös, versteht sich.
Ich war lange nicht hier gewesen, mehrere Jahre bestimmt. Ich pflegte zu sagen "der
Alltag hat mich fest in seiner Hand, kein Platz für Gesang und Kerzen"; doch
plötzlich war es anders, ich sehnte mich fast nach alldem, und ich glaube, ich war auf
der Suche nach einigen Antworten.
Ich spürte, wie ich selbst, ich, der ich normalerweise kein Freund von sentimentalen
Gesten bin, ein bisschen gerührt wurde und... weihnachtlich.
Ich setzte mich, gerade noch hatte ich einen der letzten Plätze für mich gesichert,
hinten standen schon die Menschen, alle mit derselben Sehnsucht in sich, dachte ich, alle
mit dem Wunsch, etwas Schönes mit einander zu teilen, "gut" zu sein, wie man so
schön sagt?
Ich fühlte mich dennoch unbeholfen, vor allem die Familie dort sah routiniert aus, drei
Kinder, aufgereiht wie die Orgelpfeifen, posierten in der Bankreihe vor mir. Geschäftig
ordnete die Mutter die Seidenbändchen an die richtigen Stellen im Gesangbuch, der Vater
und die Kinder saßen reglos und schienen andächtig zu warten. Dann plötzlich, hörte
das geschäftige Rascheln und tuscheln mit einem Schlag auf. Orgelmusik ertönte, alle
standen auf, wir sangen, wir beteten, wir setzten uns, standen wieder auf, setzten uns
wieder.
Ich war, ehrlich gesagt, mit diesem Ablauf nicht vertraut, doch ich spürte ich, an den
ernsten Mienen meiner Banknachbarn, dass es wichtig war. Und fast, verblaßte, vor lauter
Konzentration auf die Choreographie, und vor lauter Staunen, über all die Festlichkeit,
der Anlass unsrere Zusammenkunft.
Da trat der Pfarrer nach vorne, blickte bedeutungsvoll in die Runde und sagte, mit
melodischer Stimme, "Friede auf Erden ist möglich, da Gott seinen Sohn für uns
Menschen gesandt hat".
Und er sprach weiter von einem Gott der Menschen, der seinen Sohn für die Menschen, auf
die Welt der Menschen geschickt hat. "Ich wünsche Ihnen, liebe Gemeinde, besinnliche
Feiertage. Lassen sie sich den Braten schmecken." Unwillkürlich musste ich an den
einzigen Braten denken, den ich je persönlich gekannt hatte. Friede, galt eben nicht für
alle.
Neben mir schlüpfte eine Dame behände in ihren Nerzmantel. Sie hatte besonders laut
gesungen, inbrünstig fast, und ich hatte sie fast als mein Vorbild in Sachen
Religostität auserkoren.
Ich ergriff die Flucht. Zuhause erfasste mich eine Einsamkeit, ein Geisterfahrer, auf
einer vielbefahrenen Straße.
Alle waren zu Bett gegangen, die Kerzen waren erkaltet, neue Spielsachen und
zusammengeknülltes Geschenkpapier lagen verstreut auf dem Fussboden. Nur der Christbaum,
mit seiner elektrischen Lichterkette, war noch beleuchtet. "Stille Nacht..."
summte ich.
Ich hob eines der Plastiktiere auf, ein Schweinchen, und musste lächeln. Die Krippe.
Neben dem Jesuskind war noch Platz.
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