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Der
Mensch und der Hofhund
Eine Kolumne über die neuzeitliche Hundehaltung
Wie kommt es eigentlich, dass in Deutschland die Zahl der
Haushalte, in denen Hunde oder Katzen gehalten werden, in den letzten Jahrzehnten ständig
zunahm, während sich die Anzahl der Mehrgenerationenhaushalte stetig verringerte? Wo sind
die Zeiten geblieben, in denen Großeltern, Eltern und Enkel unter einem Dach wohnten,
Hunde hingegen mit einer Hundehütte als Quartier vorlieb nehmen mussten? Am vorhandenen
Wohnraum kann der Rückgang bei den Mehr- generationenhaushalten nicht liegen, da
Eigenheime in den letzten Jahrzehnten genug gebaut wurden. Nur ein Platz für die
Großeltern wurde bei den Bauvorhaben selten eingeplant.
Über artgerechte Hundehaltung lässt sich auf unterschiedlichster Art und Weise
debattieren. Dennoch läuft es am Ende darauf hinaus, dass es einfacher ist einen Hund als
vollwertiges Rudelmitglied aufzunehmen, als senile oder kränkelnde Großeltern. Ein Hund
kann von den menschlichen Rudelmitgliedern zu Folgsamkeit und zur Stubenreinheit erzogen
werden, eine senil werdende und später möglicherweise bettlägerige Oma hingegen nicht
mehr. So wird lieber Ersterer so artgerecht wie möglich aufgenommen und versorgt, für
Letztere findet sich hingegen kaum noch ein Platz unterm selben Dach. Infolge dessen gibt
es immer mehr Menschen in Deutschland, die mit zunehmenden Alter unter Vereinsamung leiden
und sich dann wiederum einen Hund, eine Katze oder ein anderes Haustier als Sozialpartner
zulegen.
Dabei brauchte es in Deutschland kaum Vereinsamung im Alter
zu geben, würde den Großeltern wöchentlich nur ein Teil der Zeit gewidmet, den
Tierliebhaber ihren Tieren widmen. In Foren wird darüber diskutiert, ob es barbarisch ist
einen Hund im Zwinger zeitweise am Tage oder bei Nacht allein zu lassen, während der
letzte Besuch bei der Oma oder beim Opa möglicherweise bereits Monate zurückliegt. Doch
selbst wenn der eigene Opa oder die eigen Oma im gleichen Ort einsam in einer kleinen
Wohnung lebt, sieht es oftmals nicht sehr viel besser aus. Mal Sonntags für ein
Stündchen zum Kaffeetrinken und damit hat es sich. Die Deutschen (zumindest viele
Deutsche) ziehen es halt vor ihre Zeit und Liebe einem Tier zu opfern und zu widmen,
statt den eigenen alternden Eltern. Wem die obige Jacke nicht passt, der braucht sich
diese selbstverständlich nicht anzuziehen.
Sicherlich, der Haushund hat sich weitestgehend dem Menschen angeschlossen und auf den
Menschen eingestellt, nur sollte er deshalb nicht höher als sonstige menschliche und
tierische Lebewesen eingestuft werden und nicht nur nach menschlichen Moralvorstellungen
und Maßstäben gehalten werden. Leider findet auch letzteres zu wenig Berücksichtigung.
So ist es zum Beispiel der Hund, der sich ab und an liebend gern vom Menschen entfernen
und jagen möchte, und es ist der Mensch, der den Hund an der Leine hält, um dieses zu
verhindern.
Warum? Weil es sich für einen Hund halt nach rein menschlichen Vorstellungen nicht
gehören würde, sich unerlaubt vom menschlichen Rudel zu entfernen. Doch auch ohne Leine,
bei einigen Hundehaltern konzentriert sich mindestens die Hälfte der Erziehungsarbeit
nicht darauf einen Hund etwas beizubringen, sondern darauf, den Hund seine natürlichen
Verhaltensweisen abzugewöhnen, weil diese nicht den menschlichen Normen entsprechen.
Was sind das für natürliche Verhaltensweisen, die sich für einen Hund in
Wohnungshaltung nach rein menschlichen Vorstellungen nicht schicken und möglichst
aberzogen werden sollten?
Einige Beispiele: Es schickt sich halt für einen großen, ausgewachsen Hund nicht,
Frauchen, Herrchen oder ein anderes Rudelmitglied zur freudigen Begrüßung anzuspringen,
schon ganz und gar nicht mit schmutzigen Pfoten. Ebenso wenig schickt es sich nicht das
eigene Revier zu markieren, insofern sich für diesen Zweck die Türpfosten oder die
Felgen vom neuen Auto nach hündischen Ermessen bestens eignen. Im Blumenbeet einen
Knochen zu verbuddeln, an Aas zu schnuppern, Katzen hinterher zu jagen oder sich mit
Mischlingshunden zu paaren, schickt sich noch viel weniger für einen Hund. Doch all
dieses sind typische Verhaltensweisen, die zur einer artgerechten Lebensweise von Hunden
gehören. Sicherlich lässt sich zum Beispiel das Anspringen aberziehen, doch wer mit der
Aberziehung übertreibt oder bei selbiger unsachgemäß vorgeht, der hat am Ende
möglicherweise einen verhaltensgestörten Hund.
Die Frage sollte doch in diesem Zusammenhang eher lauten, wozu halten wir uns einen Hund,
wenn uns dessen natürliche Verhaltensweisen zum Teil missfallen? Die Antwort verrät uns
die Scheidungsquote in deutschen Landen. Wir nehmen weder Hunde noch Menschen so wie sie
sind, sondern versuchen diese so zu verändern, wie wir sie gerne hätten. Beim Menschen
ist es einfach. Wer von der Umerziehung durch den Partner die Nase voll hat oder es nicht
schafft den Partner umzuerziehen, der lässt sich scheiden. Ein Hund lässt in der Regel
mehr über sich ergehen und ist deshalb der bessere Mensch, der uns viele Fehler verzeiht
und uns trotz all unserer eigenen Fehler, die wir nicht einmal bemerken, treu bleibt. Zum
Dank dafür vermenschlichen wir den Hund weiterhin und züchten bewusst Hunderassen, die
ohne menschliche Hilfe nicht mehr lebensfähig wären.
Doch wie war es einst? Heute sind die Zwingerhaltung und die Haltung von Hofhunden bei
einigen Hundeliebhabern völlig zu unrecht verpönt. Die armen Hofhunde hatten zuweilen
mehr Freiheiten als einige Stubenhunde heutiger Tierliebhaber. Vor allen dann, wenn diese
Hofhunde ähnlich den Hauskatzen in Freilauf gehalten wurden. Zumindest in einigen Teilen
von Deutschland waren freilaufende Hunde kleiner bis mittelgroßer Rassen noch in den 80er
Jahren des letzten Jahrhunderts des Öfteren anzutreffen. Heute spielt diese Form der
Hundehaltung auf Grund der erhöhten Verkehrslast und Bebauungsdichte sowie auf Grund
veränderter Gesetzlichkeiten kaum noch eine Rolle und ist maximal nur noch in der Nähe
von entlegenden Bauerhöfen erlebbar.
Einige Hunde drehten in den Vormittagsstunden ihre Runden, um ihre Reviere zu markieren
und dabei gelegentlich die eine oder andere Promenadenmischung zu zeugen, stellten sich
dennoch zu den Mahlzeiten wieder ein. Doch es gab nicht für alle Hunde freiere Zeiten, da
nicht wenige ihrer Artgenossen den ganzen Tag an der Kette liegend oder in einem viel zu
kleinen Hundezwinger eingepfercht ein ziemlich trostloses Dasein fristen mussten. Ein
relativ freies Leben führen im heutigen Deutschland jedoch in einigen Gebieten noch bzw.
wieder Herdenschutzhunde, deren Platz zu nächtlicher Stunde bei ihrer Herde ist, um
selbige vor Wolfsangriffen zu schützen.
Hofhund und Zwingerhaltung bedeutet für einen Hund nicht 24 Stunden am Tag im Hundzwinger
sitzen zu müssen, sondern maximal 10 Stunden bei berufstätigen Herrchen oder Frauchen.
Oftmals liegt diese Zeit jedoch noch wesentlich darunter, da vielen Hofhunden zwar kein
Freilauf ähnlich Hauskatzen mehr gewährt wird, dafür aber ein ganztägiger freier
Auslauf auf einem eingefriedeten Hof- oder Grundstücksgelände. Der Hundzwinger und die
Hundehütte dienen in dieser Haltungsform den Hunden mehr oder weniger nur als Fress- und
Ruheräume. Wenn ein Hund bei geöffneter Zwingertür auf dem Flachdach seiner Hütte
liegend vor sich hindöst, ist die Welt für den Hund in bester Ordnung und kein
Gefängnis, da er ja jederzeit den Zwinger verlassen könnte. Zum Verlassen des
Ruheplatzes wird in einem Mehrgenerationenhaushalt auch oft genug Gelegenheit bestehen, da
praktisch der Hof nur selten menschenleer ist. Nur wo sind die Kinder geblieben, die
täglich mit den Hunden spielten?
Zwingerhaltung
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